Die Auswanderung aus dem Birkenfelder Land gehört zu den bedeutenden Kapiteln der regionalen Geschichte. Über viele Jahrhunderte hinweg verließen Menschen ihre Dörfer und Familien, um sich in einem anderen Teil Europas oder jenseits des Atlantiks eine neue Existenz aufzubauen.
Die Entscheidung zur Auswanderung hatte nur selten eine einzige Ursache. Wirtschaftliche Not, fehlende Erwerbsmöglichkeiten, hohe Abgaben, persönliche Abhängigkeit, religiöse Spannungen, Kriegsfolgen und politische Unsicherheit wirkten häufig zusammen. Gleichzeitig lockten Berichte über fruchtbares Land, höhere Löhne, größere Freiheit und bessere Lebensbedingungen in der Ferne.
Hinter jeder Auswanderung stand eine persönliche Geschichte. Manche Menschen gingen aus Verzweiflung, andere aus Hoffnung, Abenteuerlust oder dem Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg. Einige verließen ihre Heimat freiwillig, andere sahen für sich und ihre Familien kaum noch eine Alternative.
Ein zersplittertes Land
Wer heute vom Kreis Birkenfeld spricht, denkt an ein zusammenhängendes Gebiet mit einer gemeinsamen Verwaltung. Vor mehr als zweihundert Jahren sah die politische Landkarte jedoch völlig anders aus.
Das Birkenfelder Land war kein geschlossenes Staatsgebiet, sondern ein territorialer Flickenteppich. Auf einer Fläche von lediglich rund 503 Quadratkilometern teilten sich sieben verschiedene Landesherren die Herrschaft.
- Fast die Hälfte des Gebietes gehörte zur Markgrafschaft Baden. Dazu zählten fast das gesamte spätere Amtsgericht Birkenfeld und die südliche Hälfte des Amtsgerichts Oberstein.
- Etwa ein Viertel unterstand dem Herzogtum Pfalz-Zweibrücken. Hierzu gehörten die spätere Bürgermeisterei Nohfelden und die Pflege Achtelsbach vollständig sowie kleinere Teile von Birkenfeld und Neunkirchen.
- Ein größerer Teil der späteren Bürgermeisterei Oberstein gehörte zur Grafschaft Limburg-Styrum. Weitere Gebiete des Amtsgerichts Oberstein standen unter der Herrschaft der Rheingrafen von Salm. Verschiedene Teile der späteren Bürgermeisterei Fischbach gehörten zur Grafschaft Salm-Kyrburg.
- Der Ort Eiweiler unterstand dem Fürsten von Oettingen-Wallerstein.
- Der Imsbacher Hof sowie Teile der späteren Bürgermeistereien Herrstein und Neunkirchen gehörten zum Kurfürstentum Trier.
Zwei nahe beieinanderliegende Orte konnten somit unterschiedlichen Landesherren unterstehen. Für ihre Einwohner galten möglicherweise andere Abgaben, andere Gerichtsordnungen, andere Verwaltungsregeln und andere Genehmigungsverfahren für eine Auswanderung.
Auch die historischen Unterlagen wurden dadurch über zahlreiche Behörden, Kirchen und Archive verstreut. Der häufige Wechsel der politischen Zugehörigkeit erschwert bis heute die Erforschung einzelner Familien und Auswanderungsbewegungen.
Mit dem Einmarsch französischer Truppen im Jahr 1792 begann das Ende dieser alten Herrschaftsordnung. Die verschiedenen Territorien gingen unter französischer Herrschaft im Saardepartement auf.
Nach dem Wiener Kongress wurde dem Herzog von Oldenburg ein Gebiet mit rund 20.000 Einwohnern zugesprochen. Oldenburg hoffte zunächst, dieses weit entfernt liegende Gebiet gegen ein näher am Stammland gelegenes Territorium eintauschen zu können. Dieser Tausch kam jedoch nicht zustande.
Im Jahr 1817 nahm Oldenburg das Gebiet endgültig in Besitz. Es erhielt die Bezeichnung Fürstentum Birkenfeld und wurde zu einer oldenburgischen Exklave, weit entfernt vom eigentlichen Stammland im Norden Deutschlands.

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Arten und Ursachen der Auswanderung
Unter Auswanderung verstand man die dauerhafte Verlagerung des Lebensmittelpunktes über die Grenzen des eigenen Landes hinaus. Dabei wurde zwischen der sogenannten trockenen Auswanderung und der überseeischen Auswanderung unterschieden.
Die trockene Auswanderung führte in andere europäische Länder. Dazu gehörten beispielsweise Ungarn, Polen, Russland, Dänemark oder andere deutsche Territorien.
Die überseeische Auswanderung führte über die Grenzen Europas hinaus. Besonders häufig lagen die Ziele in Nordamerika, später auch in Südamerika.
Die Gründe für eine Auswanderung waren vielfältig. Häufig spielten wirtschaftliche Schwierigkeiten eine zentrale Rolle. Dazu gehörten Armut, fehlende Erwerbsmöglichkeiten, Landknappheit und eine wachsende Bevölkerung.
Auch politische oder religiöse Bedrückung konnte Menschen dazu bewegen, ihre Heimat zu verlassen. Hinzu kamen persönliche Motive wie Abenteuerlust, Wandertrieb, Wissbegierde, Ehrgeiz, Gewinnstreben, enttäuschte Hoffnungen oder der Verlust gesellschaftlicher Anerkennung.
Manche Menschen wurden von Berichten über bessere Lebensbedingungen, größere Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlstand in der Ferne angezogen.
Eine wichtige Rolle spielten bereits ausgewanderte Verwandte und Bekannte. Ihre Briefe und Erzählungen konnten Mut machen, aber auch ein geschöntes Bild des Lebens im Ausland vermitteln.
Reisevermittler, Agenten, staatliche Werber und sogenannte Neuländer verstärkten diese Wirkung zusätzlich.
Diese Ursachen bilden keine abschließende oder exklusive Aufstellung. Die Entscheidung zur Auswanderung entstand meist aus mehreren persönlichen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Gründen zugleich. Jeder Auswanderer hatte letztlich seine eigene Geschichte.
Die Auswanderung bis 1700
Die Anfänge der Auswanderung aus dem Birkenfelder Land reichen vermutlich weit zurück. Bereits im 12. und 13. Jahrhundert könnten Menschen aus der Region nach Osten gezogen sein, insbesondere nach Ungarn und Siebenbürgen. Als Gründe werden Bevölkerungsdruck, unfreie Lebensverhältnisse und die zunehmende Einschränkung bäuerlicher Rechte genannt.
Deutsche Siedler wurden damals von ungarischen Königen gezielt angeworben. Sie erhielten Privilegien und sollten unter anderem als Grenzwächter dienen. Sprachgeschichtliche Untersuchungen lassen vermuten, dass auch Menschen aus dem Raum zwischen Mosel, Eifel und Luxemburg an der Besiedlung Südosteuropas beteiligt waren.
Im 14. Jahrhundert ging diese Bewegung zurück. Im 15. Jahrhundert kam die Auswanderung nach Böhmen, Polen und Ungarn zeitweise weitgehend zum Stillstand. Erst im 16. Jahrhundert gewann sie wieder an Bedeutung.
Ein wichtiger Faktor war nun die Religion. Zwar war Auswanderung grundsätzlich verboten, doch religiöse Gründe konnten Ausnahmen ermöglichen. Nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 und dem Westfälischen Frieden von 1648 erhielt die Religionsausübung eine größere rechtliche Bedeutung.
Im Birkenfelder Land kam es während des Dreißigjährigen Krieges zu konfessionellen Konflikten. Besonders im Kirchspiel Neunkirchen wurden evangelische Einwohner unter dem Einfluss des Trierer Erzbischofs wieder zum katholischen Bekenntnis gedrängt.
Zahlreiche Familien verließen deshalb ihre Heimat. Ob diese Menschen dem Ruf des Großen Kurfürsten nach Brandenburg folgten, lässt sich nicht sicher feststellen.
Fest steht, dass um 1700 katholische Familien in die Region zuwanderten, während andere Familien nach Kurtrier oder Kurbrandenburg auswanderten.
Insgesamt blieb die Auswanderung bis 1700 stark eingeschränkt. Eine deutlich freiere Auffassung setzte sich erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch, besonders unter dem Einfluss der Französischen Revolution.
Auswanderung unter Leibeigenschaft und Gerichtsherrschaft
Auch im 18. und frühen 19. Jahrhundert war Auswanderung keineswegs frei. Viele Einwohner waren weiterhin rechtlich und wirtschaftlich an ihre Herrschaft gebunden.
Wer das Land verlassen wollte, musste zunächst verschiedene Verpflichtungen erfüllen und häufig erhebliche Gebühren zahlen.b Besonders wichtig war die sogenannte Manumission, also die förmliche Entlassung aus der Leibeigenschaft. Dafür wurde meist eine Abgabe verlangt, die sich am Vermögen orientierte. Sie konnte ungefähr zehn Prozent des Vermögens betragen.
Hinzu kamen weitere Gebühren für Antrag, Bearbeitung und Ausstellung der Entlassungsurkunde. Teilweise wurde außerdem eine feste Expeditionsgebühr erhoben.
Wer ohne Genehmigung auswanderte, musste mit schweren Folgen rechnen. Sein Vermögen konnte eingezogen werden. Auch eine Rückkehr war riskant, denn der Betroffene konnte festgenommen oder wieder in sein früheres Abhängigkeitsverhältnis zurückgeführt werden.
Doch selbst nach der Entlassung aus der Leibeigenschaft war die Auswanderung noch nicht vollständig frei. Es konnten weitere Abgaben verlangt werden, etwa der sogenannte Abzug oder das Landschaftsgeld. Der Abzug wurde häufig als Anteil am Vermögen erhoben, das aus dem Herrschaftsgebiet ausgeführt wurde. Diese Zahlungen belasteten insbesondere Personen, die ihren Besitz verkauften und das Land dauerhaft verließen.
Die Auswanderung war damit nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern auch ein rechtlich und finanziell schwieriger Vorgang. Freiheit musste gewissermaßen erkauft werden.
Für viele Menschen bedeutete dies, dass sie ihre Heimat erst verlassen konnten, wenn sämtliche Ansprüche der Obrigkeit erfüllt waren.
Die wirtschaftliche Notlage des Landes
Das Birkenfelder Land war über lange Zeit eine arme und wirtschaftlich schwache Region. Die Landschaft war gebirgig, die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen waren begrenzt und die Möglichkeiten, ein ausreichendes Einkommen zu erzielen, gering.
Die bäuerlichen Betriebe wurden durch die Erbteilung immer weiter zersplittert. Äcker, Wiesen und Waldstücke gingen auf mehrere Kinder über, sodass viele Familien schließlich kaum noch genug Land besaßen, um davon leben zu können.
Auch die sogenannten Hintersassen, die nicht über einen eigenen größeren Hof verfügten, fanden nur eingeschränkte Erwerbsmöglichkeiten.Viele Menschen versuchten deshalb, durch ein Handwerk oder ein Nebengewerbe zusätzliches Einkommen zu erzielen. Doch je mehr Personen denselben Tätigkeiten nachgingen, desto geringer wurde der Verdienst.
Die wirtschaftliche Lage verschärfte sich weiter, während die Bevölkerung stetig zunahm. Die Zahl der Einwohner wuchs schneller als die vorhandenen Erwerbsmöglichkeiten.
Hinzu kamen schlechte Ernten, steigende Preise und wiederkehrende Hungerjahre. Besonders dramatisch waren die Jahre 1816 und 1817.
Dauerregen, Missernten und hohe Lebensmittelpreise führten zu großer Not. Brotgetreide, Kartoffeln und andere Grundnahrungsmittel wurden für viele Familien kaum noch bezahlbar.
In einzelnen Orten mussten Hilfsvereine gegründet werden, um Bedürftige mit Geld, Kleidung, Früchten, Kartoffeln und anderen Lebensmitteln bis zur nächsten Ernte zu unterstützen.
Auch die Kriege des 18. und frühen 19. Jahrhunderts belasteten die Bevölkerung erheblich. Einquartierungen, Abgaben, unterbrochener Handel und die Einziehung junger Männer zum Militär trafen viele Familien unmittelbar.
Wer heiraten und einen eigenen Haushalt gründen wollte, stand häufig vor dem Problem, weder über genügend Land noch über ein ausreichendes Einkommen zu verfügen.
Zwar versuchte die badische Regierung, die Landwirtschaft zu verbessern. Neue Anbaumethoden, Stallfütterung und Kleeanbau sollten höhere Erträge ermöglichen. Doch nicht alle Bauern nahmen diese Neuerungen an. Manche lehnten sie aus Misstrauen, Gewohnheit oder Aberglauben ab. Andere verließen lieber die Heimat, als ihre bisherige Wirtschaftsweise grundlegend zu verändern.
Eine besondere Rolle spielte die Achat- und Schmucksteinindustrie im Raum Oberstein und Idar. Sie bot zeitweise vielen Menschen Arbeit und zog sogar Arbeitskräfte aus den umliegenden Dörfern an. Doch auch diese Branche war krisenanfällig. Kriege, Handelsunterbrechungen, Konkurrenz und Qualitätsprobleme führten immer wieder zu Arbeitslosigkeit und Einkommensverlusten.
Die Dosenherstellung beschäftigte zeitweise zahlreiche Arbeiter. Eine zu schnelle Ausweitung der Produktion, Qualitätsmängel und zunehmende Konkurrenz brachten jedoch erhebliche Probleme.
Auch die Schmuckwarenproduktion war stark vom internationalen Handel abhängig. Wenn Absatzmärkte wegfielen oder Waren nicht mehr verkauft werden konnten, waren ganze Familien plötzlich ohne Einkommen.
Viele Arbeiter lebten ohnehin am Rand des Existenzminimums. Mancher Familienvater war der Not ausgeliefert, sobald der Handel stockte.
Die Auswanderung war deshalb für zahlreiche Menschen kein Ausdruck von Abenteuerlust, sondern eine Reaktion auf anhaltende Armut und fehlende Zukunftsaussichten.
Wer in der Heimat weder genügend Land noch Arbeit oder Nahrung fand, hoffte, sich in einem anderen Land eine bessere Existenz aufbauen zu können.
Lasten und Abgaben der Untertanen
Zu den wichtigsten Ursachen der Auswanderung gehörten auch die hohen Lasten und Abgaben, die auf der Bevölkerung ruhten. Viele Einwohner des Birkenfelder Landes lebten in wirtschaftlicher und rechtlicher Abhängigkeit von ihrer Grund- und Gerichtsherrschaft.
Sie mussten nicht nur Steuern zahlen, sondern zusätzlich Frondienste und persönliche Arbeitsleistungen erbringen. Diese Verpflichtungen konnten Männer und Frauen gleichermaßen betreffen. Männer mussten beispielsweise auf herrschaftlichen Gütern arbeiten, Wege bauen oder andere Dienste verrichten.
Auch Frauen wurden zu regelmäßigen Arbeitsleistungen herangezogen. In Oberstein musste beispielsweise jede Bürgerfrau, ausgenommen die Bewohner bestimmter privilegierter Häuser, jährlich Pflichten für die Herrschaft erfüllen. In manchen Gebieten durften sich junge Frauen nicht verheiraten, ohne zuvor eine bestimmte Zeit als Magd auf einem herrschaftlichen Hof gedient zu haben.
Diese Dienste waren häufig schwer und unbeliebt. Sie wurden teilweise erst mit dem Ende der Leibeigenschaft oder unter dem Einfluss der Französischen Revolution aufgehoben.
Hinzu kamen zahlreiche direkte und indirekte Abgaben. Dazu gehörten der große und der kleine Zehnt, Vermögenssteuern, Grundabgaben, Verbrauchssteuern, Stempelsteuern, Ungeld und weitere Zahlungen.
Eine vollständige Übersicht war selbst für die damaligen Einwohner kaum möglich. Viele Familien wussten nur, dass immer neue Forderungen an sie gestellt wurden.
Besonders belastend war, dass diese Abgaben selbst in Zeiten schlechter Ernten und großer Armut verlangt wurden. Wenn die Menschen kaum genug zum Leben hatten, mussten sie dennoch einen Teil ihrer Erzeugnisse, ihres Geldes oder ihrer Arbeitskraft abgeben. Dadurch gerieten viele Familien immer tiefer in Not. Widerstand gegen diese Belastungen blieb selten, weil die Betroffenen schwere Strafen fürchten mussten.
Die Abhängigkeit von der Herrschaft war so groß, dass viele Menschen keinen anderen Ausweg sahen, als ihre Heimat zu verlassen.
Manche wanderten mit Genehmigung aus, andere gingen heimlich. Sie ließen Haus, Hof und Besitz zurück und zogen mit wenigen Habseligkeiten nach Pennsylvania, Ungarn, Polen oder in andere Regionen.
Die Auswanderung war damit auch eine Flucht vor Steuern, Frondiensten und persönlicher Abhängigkeit.
Für viele Menschen bedeutete die Fremde nicht nur Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufstieg, sondern vor allem die Aussicht auf ein freieres Leben.
Auswanderung aus konfessionellen Motiven
Religiöse Gründe spielten vor allem im 16. und 17. Jahrhundert eine wichtige Rolle bei der Auswanderung. Im 18. Jahrhundert trat dieser Faktor zwar deutlich seltener auf, verschwand aber nicht vollständig.
Besonders schwierig war die Lage in Gebieten mit gemischten Konfessionen.
Im zweibrückischen Kirchspiel Wolfersweiler und Nohfelden war bereits 1522 die Reformation eingeführt worden. Später setzte sich dort jedoch der Katholizismus weitgehend durch.
Für die katholischen Einwohner bestanden lange Zeit nur unzureichende Möglichkeiten zur Religionsausübung. Sie mussten weite Wege nach Kusel oder Baumholder zurücklegen, um einen Gottesdienst zu besuchen.
Dieser Zustand dauerte beinahe zweihundert Jahre. Erst im 18. Jahrhundert verbesserte sich die Situation, wohlgleich damit die Auswanderungen nur gehemmt, nicht beendet wurden.


















