Als die Franzosen (angeblich) den Westwall überrannten
Wir neigen heute oft zu der bequemen Annahme, gezielte Falschmeldungen und „Fake News“ seien eine exklusive Erfindung des Internetzeitalters. Ein kurzer Blick in die historischen Zeitungsarchive belehrt uns jedoch schnell eines Besseren. Man betrachte nur die Ausgabe der polnischen Tageszeitung „Goniec Warszawski“ (Warschauer Bote) vom 6. September 1939.
Das Titelblatt ist ein wahres Lehrstück der verzweifelten Kriegspropaganda und an kreativer Realitätsverweigerung kaum zu überbieten.

Bild: Gemeinfrei
Während die deutsche Wehrmacht zu diesem Zeitpunkt bereits fast ungehindert durch Polen rollte und die Lage von Tag zu Tag aussichtsloser wurde, präsentierte die Warschauer Zeitung ihren Lesern in fetten Lettern eine sensationelle Wendung: „Francuzi przeszli linię Zygfryda“ – Die Franzosen haben die Siegfriedlinie überschritten. Begleitet wurde dieser vermeintliche Triumphzug von weiteren Erfolgsmeldungen, darunter die angebliche Versenkung des größten deutschen Panzerschiffes.
Man muss den damaligen Redakteuren zugestehen: Sie verstanden ihr Handwerk, wenn es darum ging, Durchhalteparolen zu formulieren. Die historische Realität sah freilich dramatisch anders aus.
Die Siegfriedlinie, im deutschen Sprachraum als Westwall bekannt, war das massive Verteidigungsgegenstück zur französischen Maginot-Linie. Und während die polnische Bevölkerung und die kämpfenden Truppen im Osten verzweifelt auf genau jene militärische Entlastung hofften, die diese Schlagzeile versprach, glänzten die westlichen Verbündeten vor allem durch eines: zögerliches Abwarten.
Zwar bequemte sich die französische Armee einige Tage später, am 9. September 1939, tatsächlich zu der sogenannten Saar-Offensive. Von einem heldenhaften Durchbruch durch den Westwall konnte dabei jedoch nicht im Ansatz die Rede sein. Die französischen Truppen rückten lediglich ein paar Kilometer in das weitgehend unverteidigte deutsche Vorfeld vor. Kurz darauf zogen sie sich wieder sicher hinter den gewohnten Beton der eigenen Maginot-Linie zurück. Ein taktischer „Vorstoß“, dessen Wucht kaum ausreichte, um auch nur einen einzigen deutschen Soldaten von der polnischen Front abzuziehen.
Die Schlagzeile des „Goniec Warszawski“ war somit nichts anderes als reine Überlebenspropaganda. Es war der sprichwörtliche Strohhalm, an den sich Zivilisten und Soldaten klammern sollten, um die schwindende Moral nicht völlig kollabieren zu lassen. Die Illusion einer rettenden zweiten Front im Westen war psychologisch zwingend notwendig – auch wenn sie von vorne bis hinten frei erfunden war.
Die Ausgabe vom 6. September 1939 belegt eindrucksvoll ein altes Sprichwort: Das erste Opfer jedes Krieges ist stets die Wahrheit. Wer also heute glaubt, die massenhafte Verbreitung politischer Märchen zur psychologischen Manipulation sei ein modernes Phänomen unserer sozialen Netzwerke, der hat schlichtweg seine Geschichtsbücher nicht aufmerksam genug gelesen.


















