Wenn man an große Familiengeschichten denkt, denkt man oft an Adel, Politik oder Militär. Aber in Creutzwald findet sich eine andere, fast vergessene Form von Macht: die Macht des Handwerks.
Die Familie Bonhomme prägte über Generationen hinweg die Glasindustrie in Lothringen und darüber hinaus. Ihre Geschichte erzählt nicht nur von Glasmachern, sondern auch von Krieg, Flucht, Religion, sozialem Aufstieg und erstaunlicher Anpassungsfähigkeit.
In diesem Video schauen wir uns an, wie aus einer frühen Glasmacherfamilie eine der wichtigsten Linien der Region wurde.

Um die Geschichte der Familie Bonhomme zu verstehen, muss man zuerst verstehen, warum Creutzwald überhaupt zu einem bedeutenden Ort für Glasmacher werden konnte.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war die Region politisch und religiös stark umkämpft. Das Gebiet lag in einem Grenzraum zwischen französischem Einfluss und dem Heiligen Römischen Reich. Gleichzeitig erschütterte die Reformation ganz Europa. Damals war Religion nicht nur Privatsache, sondern eng mit Herrschaft verbunden.

Trotz aller Unsicherheit hatte die Region einen entscheidenden Vorteil: Sie bot ideale Voraussetzungen für die Glasherstellung. Es gab Sand, es gab große Wälder für Brennmaterial, und der Untergrund war insgesamt günstig für frühe Industrie.

Die Familie de Condé erkannte dieses Potenzial sehr früh. Um 1600 entstanden in und um Creutzwald mehrere Siedlungen und Glashütten. Damit wurde die Grundlage für einen Produktionsstandort gelegt, der Fachkräfte anzog.

Und genau hier kommen die Bonhomme ins Spiel. Sie gehörten offenbar zu jenen erfahrenen Glasmachern, die in diesem neuen Industrieumfeld gebraucht wurden. Creutzwald war also kein Zufallsort, sondern ein bewusst aufgebautes Zentrum für Glasproduktion.

Der früheste nachweisbare Vertreter der Familie in Creutzwald ist François Bonhomme. Er erscheint spätestens 1629 in den Quellen. Seine Herkunft ist unbekannt, aber vieles spricht dafür, dass er französischsprachig war und als Glasmacher in die Region kam.

Besonders bemerkenswert ist: François Bonhomme war nicht einfach nur irgendein Arbeiter. Bereits 1631 wird er als Bürgermeister von Creutzwald erwähnt. Das ist ein starkes Zeichen dafür, dass er in der Gemeinschaft hohes Ansehen genoss. Ein neu angekommener Siedler hätte ein solches Amt kaum erhalten.

Das bedeutet: François war wahrscheinlich schon einige Jahre vor 1629 in Creutzwald ansässig. Er muss sich dort als verlässlicher und angesehener Mann etabliert haben. Damit steht am Anfang der Familiengeschichte nicht nur ein Handwerker, sondern ein Mann mit sozialem Gewicht.

Später wird sein Name noch einmal 1647 erwähnt, diesmal im Zusammenhang mit einer Versteigerung seines Hauses. Ob er zu diesem Zeitpunkt noch lebte, bleibt unklar. Auch über seine Ehefrau und seine Kinder wissen wir nichts mit letzter Sicherheit.

Trotzdem ist François Bonhomme sehr wahrscheinlich der älteste bekannte Vorfahre der Creutzwalder Linie. Und schon hier zeigt sich ein Muster, das die Familie lange prägen sollte: handwerkliche Kompetenz, soziale Einbindung und ein bemerkenswerter Aufstieg innerhalb der lokalen Ordnung.

Nach François begegnen wir Didier Bonhomme, vermutlich seinem Sohn. Didier wurde wohl um 1620 geboren und ist ab der Mitte des 17. Jahrhunderts in Creutzwald belegt.

Auch er machte Karriere in der lokalen Gemeinschaft. 1659 wurde er zum Sergeant von Creutzwald ernannt, 1662 dann zum Bürgermeister. Die Familie Bonhomme hatte sich damit endgültig als angesehene Kraft im Ort etabliert.

Aber die Zeit war alles andere als ruhig. Die Region litt schwer unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Dörfer wurden verwüstet, viele Menschen flohen, und ganze Landstriche waren zeitweise fast entvölkert.

Ein besonders aufschlussreiches Dokument zeigt, dass Didier Bonhomme und seine Frau Eve Pierre im Jahr 1651 nach Mattstall im Elsass geflohen waren. Dort wurde ihr Sohn Hans Wolf, später Jean Louis Bonhomme genannt, getauft. Diese Flucht macht deutlich, wie mobil Glasmacherfamilien damals sein mussten. Sie zogen dorthin, wo Sicherheit und Arbeit möglich waren.

Später kehrte Didier nach Creutzwald zurück. Das allein ist schon bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, dass er nach seiner Rückkehr wieder öffentliche Ämter übernahm. Das spricht für ein stabiles Ansehen und eine starke Stellung innerhalb der Gemeinde.

Auch seine Frau Eve Pierre nimmt in der Familiengeschichte einen wichtigen Platz ein. Sie wurde später in der Kirche bestattet, was damals ein klares Zeichen für hohen sozialen Status war. Die Bonhomme waren also keine Glasadeligen, aber sie gehörten eindeutig zu den Honoratioren des Ortes.

Mit den Kindern von Didier Bonhomme und Eve Pierre beginnt sich die Familie sichtbar zu verzweigen. Genau das macht diesen Abschnitt genealogisch und historisch so spannend.

Da ist zunächst Anne Madeleine Bonhomme, die über ihre Ehen mit den Familien Rosenberger und Albrecht wichtige Verbindungen schuf. Sie steht dafür, wie Familiennetzwerke damals nicht nur durch Beruf, sondern auch durch Heirat gesichert wurden.

Dann gibt es François Bonhomme, der nach Merlebach zog. Dort wurde er später Kirchenschöffe. Bei ihm zeigt sich, dass nicht jeder Nachkomme zwingend Glasmacher blieb. Die Familie weitete ihren Einfluss also auch auf andere soziale und kirchliche Funktionen aus.

Besonders wichtig ist Jean Louis Bonhomme, der in einer Quelle als Hans Wolf Guttman erscheint. Schon an diesem einen Namen erkennt man die Grenzlage der Familie zwischen französischer und deutscher Sprachwelt. Jean Louis wurde später zur zentralen Figur der nächsten Generation und verband die Bonhomme mit weiteren einflussreichen Linien.

Hinzu kommt Valentin Bonhomme, der in Creutzwald blieb und dort fest im Familien- und Patennetzwerk verankert war. Auch Henri Bonhomme taucht in den Quellen auf, allerdings nur kurz; er starb offenbar früh.

Was man an all diesen Personen erkennt, ist mehr als nur eine Stammfolge. Man sieht, wie sich eine Familie in einem unsicheren Grenzraum behauptet: durch Mobilität, durch Heiraten, durch lokale Ämter und durch enge soziale Bindungen.

Die Geschichte der Bonhomme ist auch eine Geschichte religiöser Anpassung. Und genau darin liegt einer der interessantesten Punkte.

Mehrere Quellen zeigen, dass die Familie über mindestens zwei Generationen hinweg einen engen Bezug zum Protestantismus hatte. Didier Bonhomme und Eve Pierre ließen ihren Sohn 1651 in einer protestantischen Pfarrei taufen. Auch Jean Louis Bonhomme ließ mindestens ein Kind zunächst nach protestantischem Ritus taufen.

Später erscheinen dieselben Familienmitglieder jedoch in den katholischen Registern von Creutzwald. Das ist kein Zufall. Im späten 17. Jahrhundert nahm der Druck auf Protestanten stark zu. Die politische Entwicklung und die konfessionellen Verhältnisse zwangen viele Familien zu Anpassungen.

Das bedeutet nicht unbedingt, dass Überzeugungen beliebig waren. Aber es zeigt, wie eng Glauben, Herrschaft und Alltag damals miteinander verflochten waren. Wer bleiben, arbeiten und seine Familie absichern wollte, musste oft pragmatisch handeln.

Genau darin liegt die historische Bedeutung der Bonhomme: Sie stehen beispielhaft für eine Glasmacherfamilie, die sich in einem schwierigen Umfeld behauptete. Sie überstanden Krieg, Flucht, konfessionelle Spannungen und soziale Umbrüche. Und sie schafften es trotzdem, ihren Namen über Generationen hinweg in der Region zu verankern.

Die Bonhomme waren deshalb nicht nur eine Familie von Glasmachern. Sie waren ein Spiegel ihrer Zeit: mobil, anpassungsfähig, arbeitsstark und eng mit der Entwicklung von Creutzwald verbunden.

Die Geschichte der Bonhomme zeigt, dass Industriegeschichte oft viel persönlicher ist, als man denkt. Hinter einer Glashütte stehen nicht nur Öfen, Rohstoffe und Produktion, sondern Familien, Entscheidungen, Krisen und Lebenswege.